AStA-Infom Ausgabe 9 April 1997
Mahlzeit!
Das sind wir also alle wieder, und alles geht seinen gewohnten Gang. Getrennt
sind die Schalter für Reformkost und Menü 2 sind und die Schlangen
der Hungrigen reichen nicht mehr bis zur Bibliothek. Mal unter uns, StudentInnenwerk:
Ausgerechnet in der Woche vor Vorlesungsbeginn Reformkost, Menü 2
und auch noch Eintopfausgabe zusammenzulegen, das war ja wohl fies. Sollte
das die anwesenden ErsemesterInnen schon auf die Schlangenlänge im
Semester einstimmen? Oder war das eine Art Mitarbeitertraining? Oder was?
Jedenfalls für uns eine gute Einstimmung auf den Semesterbetrieb.
Mit dem bekannten Beratungsangebot, den beliebten Öffnungszeiten und
mit Elan stürzen wir uns also in die Arbeit - in leicht veränderter
Besetzung, denn Bernd Hasenmaier hat uns wirklich und allen Ernstes zum
1. April verlassen, um von nun an andere Dinge zu tun. Dafür ist Michaela
Klug zu uns gestoßen, natürlich erstmal kommissarisch, denn
der neue AStA wird erst auf der StuPa-Sitzung am 21. 4. gewählt. Michaela
war bisher (und ist auch weiterhin) im FSR AES und in der Senatskomission
für Studium, Lehre, Weiterbildung und Studienreform aktiv. Zu dieser
Ausgabe: Vom 24. bis zum 26. 4. tagt die Hochschulrektorenkonferenz (HRK).
Das wäre nicht weiter der Rede wert, würde diese Versamlung alter
Männer nur bei Magentee über Prostata- und Kriegsleiden sinnieren.
Leider geht es in ihren Gesprächen um Dinge wie den zur Zeit betriebenen
Umbau der Hochschulen, um Studiengebühren und Zwangsexmatrikulation.
Das macht die Geschichte natürlich interessant, und wir haben ihr
deswegen einen Artikel gewidmet. Außer mit Aufräumarbeiten in
Büro und Shop haben wir die vorlesungsfreie Zeit vor allem damit verbracht,
uns in diversen Gremien mit dem in Entstehung befindlichen "Leitbild" der
Hochschule herumzuschlagen, ein neues Sozialheft zusammenzustellen und
bei einer "Initiative Walter-Krämer-Platz" mitzuwirken. Dazu gleich
mehr, und Euch allen einen guten Start in ein erfolgreiches Semester wünscht
Euer AStA.
Leitbild
Erinnern wir uns zunächst ans letzte Semester: Da gab es den Bericht
eines Auditorenteams der europäischen Hochschulkonferenz (CRE), in
das "Qualitätsmangement" an der Siegener Hochschule beurteilt wurde
und der zunächst keine breite Diskussion, sondern einen Alleingang
des Rektorats (AGR) zur Folge hatte. Dieser wurde durch gemeinsame Anstrengungen
von AStA, studentischen Vertretern im Senat, Frauenbeauftragter und einiger
Einzelpersonen gestoppt und vor den Senat gebracht. Der tat seinen Unmut
kund, wollte die vom Rektorat eingerichteten Projektgruppen aber nicht
gleich wieder auflösen, sondern beschloß stattdessen, der Hochschule
ein Leitbild zu geben und sich auf einer Sondersitzung am 5. Mai ausschließlich
mit diesem Thema zu befassen. Zur Vorbereitung dieser Sondersitzung wurde
eine Kommission gebildet, die eine Rohvorlage für die Diskussion erarbeiten
sollte. Was ist überhaupt ein Leitbild? Darüber gab es auch in
der Kommission einige Unklarheiten. Die einen hätten gerne Werbetexter
beauftragt, die die Vorzüge der Hochschule in höchsten Tönen
auf Hochglanzpapier präsentieren soll, den anderen ging es mehr darum
neben einer Standortbestimmung eine Regierungserklärung mit den wichtigsten
Zielvorstellungen für die nächsten vier bis acht Jahre zu erstellen.
Und während die einen noch versuchten, die Frage, was ein Leitbild
eigentlich sei, zu klären, unterhielten sich die anderen bereits über
Layout-Probleme. Ausgehend von Diskussionen der Fachschaftenkoordination,
die sich zu Beginn der vorlesungsfreien Zeit mehrmals zu diesem Thema getroffen
hatte, ist ein eigener studentischer Entwurf entstanden, der vom AStA in
die Kommission eingebracht wurde. Inhaltliche Schwerpunkte sind die innere
Demokratie der Hochschule, Chancengleichheit und Verbesserungen der Lehrqualität
. Auch das Verhältnis der Hochschule zur Wirtschaft wird thematisiert.
Im Verlauf der Diskussion in der Kommission wurde wie erwartet deutlich,
daß einige der vom AStA angesprochenen Punkte umstritten waren. Die
wurden dann auf die Sondersitzung vertagt. Erfreulicherweise gab es aber
innerhalb der Kommission in einigen wesentlichen Punkten Konsens. So stehen
die Kommissionsmitglieder hinter dem Konzept der integrierten Gesamthochschule,
sehen die Bedeutung der Herstellung von Chancengleichheit. Zudem wendet
sich die Hochschule gegen Rassismus und AusländerInnenfeindlichkeit.
Im Leitbild sollen Grundwerte und Entwicklungsziele für mindestens
die nächsten acht Jahre festgeschrieben werden. Gerade im Kontext
der "Hochschulreform" ist für die StudentInnenschaft die Beschäftigung
mit dem Leitbild ein zentrales Thema. Wir werden Euch daher über die
weitere Diskussion auf dem Laufenden. Der studentische Entwurf und die
Vorlage für den Senat könnt Ihr bei uns bekommen.
HRK
Wie schon in der letzten Ausgabe berichtet, trifft sich die Hochschulrektorenkonferenz
vom 24. bis zum 26. April zu ihrer Jahreshauptversammlung in Siegen. Prunkvoller
Auftakt bildet eine Eröffnungsveranstaltung und ein Empfang der Landesregierung
in Anwesenheit von Ministerpräsident Johannes Rau, Wissenschaftsministerin
Anke Brunn und Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers. Klangvoller
Titel der Tagung ist "Hochschule als Verantwortungsgemeinschaft". Die -
übrigens öffentlichen - Diskussionsrunden am Freitag, dem 25.
April im Audimax stehen sind den Modethemen "Freiheit und Verantwortung
in Forschung, Lehre und Studium" (9.30h) und "Leitbild einer Verantwortungsgemeinschaft
Hochschule" (14.30) gewidmet. Im Prinzip wäre gegen die Tagung wenig
einzuwenden, hätte dieses Gremium in der letzten Zeit nicht die falschen
hochschulpolitischen Akzente gesetzt. Hier sei nur noch einmal an die unsägliche
Diskussion über die Einführung von Studiengebühren erinnert,
die sicherlich mit dafür gesorgt haben, daß unsere Kommilitoninnen
und Komilitonen in Baden-Württemberg mittlerweile hundert Mark im
Semester berappen müssen. Vermutlich wären Studiengebühren
innerhalb der HRK mehrheitsfähig, wenn die Finanzminister der Länder
garantieren würden, daß die erhobenen Gebühren vollständig
in den Hochschulen blieben. Mit der Wahl von Klaus Landfried zum neuen
Präsidenten der HRK hat die Mehrheit der Hochschulrektoren -Rektorinnen
gibt es derzeit nicht - für deutlich konservative bildungspolitische
Positionen votiert. So befürwortet Landfried grundsätzlich die
Einführung von Studiengebühren, Zwangsexmatrikulationen für
Studierende, die ihr Grundstudium bis zum sechsten Semester nicht abgeschlossen
haben und die Möglichkeit für die Hochschulen, sich ihre Studentinnen
und Studenten selbst auszusuchen. Ein weiterer Dorn im Auge sind ihm die
gewählten StudentInnenvertretungen. So stellt er ihre Legitimation
in Frage und spricht ihnen die Legitimation ab, sich für Belange der
Studierenden einzusetzen, die er für "nicht hochschulbezogen" hält.
Die Anwesenheit von Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers bei
der Eröffnungsveranstaltung in Siegen gibt der ganzen Sache noch eine
besondere Würze. Der Vater des Zins-BAföGs will vor den versammelten
Rektoren für seine politischen Vorstellungen werben, die in naher
Zukunft in ein neues Hochschulrahmengesetz münden sollen. Viel Gutes
kann man da wohl nicht erwarten. Und weil dem so ist, und weil wir keine
Studiengebühren bezahlen wollen und auch das Zins-BAföG noch
nicht vergessen haben, werden wir den Medienrummel nutzen, um im Rahmen
einer Kundgebung für unsere Vorstellungen einzutreten. Die findet
statt am Donnerstag, 24. April, ab 15.00 Siegerlandhalle. Beachtet dazu
auch unsere Aufrufe.
Gegen Neoliberalismus und Sozialabbau
Und wo wir gerade beim Demonstrieren sind: Auch in diesem Jahr findet wieder
die Veranstaltung "Heraus zum Roten 1. Mai!" statt. Bereits zum 5. Mal
rufen Initiativen und Organisationen aus dem links-alternativen Spektrum
zur Demonstration mit anschließendem Kulturprogramm auf. Themen der
diesjährigen Veranstaltung sind Sozialabbau und Neoliberalismus. Die
Arbeitslosigkeit steht auf Rekordniveau, der Staat soll entschlackt und
umgebaut werden, und die FDP spricht von mehr Eigenverantwortung der BürgerInnen.
Die Sozialhilfe ist kein Tabu mehr, das Arbeitslosengeld auch nicht - der
Kapitalismus entledigt sich seiner sozialen "Altlasten". Auch an der Hochschule
hat das seine konkreten Auswirkungen: Es wir von Studiengebühren gesprochen
und von Zwangsexmatrikulation. Mit fast 700 Menschen, die es sich in den
letzten Jahren nicht nehmen ließen, auf die Straße zu gehen
und zu demonstrieren, ist dies die größte 1. Mai-Veranstaltung
in NRW, die unabhängig vom DGB stattfindet. In diesem Jahr sprechen
der Publizist Rainer Trampert (u.a. konkret) und der Frankfurter Soziologe
Christoph Görg. Der kulturelle Teil wird von AnderesundTango, bekannt
aus der hiesigen Kulturszene, und der Hamburger Ska-Punk-Band Rantanplan,
einem Nebenprodukt von But Alive, bestritten. Ansonsten Grußworte,
Infostände, Kinderbelustigung und schönes Wetter. Demo-Beginn
ab 12.00 Uhr vor der Siegerlandhalle Kundgebung und Kulturteil ab 13.00
Uhr auf dem Sparkassenvorplatz/Morleystraße. Heraus zum Roten 1.
Mai!
Sozialheft
Pünktlich zu Beginn des neuen Semesters ist das neue Sozialheft des
AStAs erschienen. Die 32seitige Broschüre bietet ErstsemesterInnen
und anderen BAföG-Zwangsinteressierten das wichtigste zur Studienförderung.
Die vielen (unerfreulichen) Änderungen des letzten Jahres haben eine
Neuauflage nötig gemacht. Hauptfolge der Novellierungen war nämlich,
daß die Zahl der Anträge deutlich zurückgegangen ist, weil
viele Studierende den Eindruck hatten, es lohne sich eh nicht mehr oder
die Befürchtung, nach Abschluß des Studiums mit einem Haufen
Schulden dazustehen. Dabei ist das BAföG innerhalb der regulären
Förderungsdauer nur zur Hälfte ein Darlehen, und das ist auch
noch unverzinslich, und es ist nicht einzusehen, daß Ihr auf Geld
verzichtet, das Euch zusteht. Mit Hilfe des Sozialheftes könnt Ihr
selbst berechnen, ob und wieviel Ausbildungsbeihilfe Ihr bekommt. Bei Fragen
steht Euch natürlich die Sozialberatung zur Verfügung. Die Broschüre
bekommt Ihr selbstverständlich kostenlos im AStA-Büro oder im
Shop.
Walter-Krämer-Platz
Der AStA, die Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken und die Gesellschaft
für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit haben angeregt, den neugestalteten
Sparkassenvorplatz nach dem "Arzt von Buchenwald" zu benennen. Damit wird
eine alte Idee aufgegriffen. Schon 1985 regten der DGB, die Gesellschaft
für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, das Bündnis 90/Die
Grünen und die DKP an, eine Gedenkstätte für den 1941 von
der SS ermordeten Siegener Walter Krämer zu errichten. Der Maschinenschlosser
Krämer war als Landtagsabgeordneter der KPD bereits 1933 verhaftet
worden. Er hatte sich im Selbststudium umfangreiche medizinische Kenntnisse
angeeignet und mit List und selbstlosem Engagement vielen Mithäftlingen
das Leben gerettet. Während seine herausragende Rolle im Lagerwiderstand
in zahlreichen Publikationen dokumentiert ist, erinnert in seiner Heimatstadt
bisher nicht einmal eine Straße an ihn. Für eine Würdigung
des bekanntesten Siegener Widerstandskämpfers an zentraler Stelle
bietet sich nach unserer Auffassung mit der anstehenden Benennung des "Siegrandplatzes"
eine ideale Gelegenheit.