AStA-Inform Ausgabe 5 November 1996
Hurra, es gibt Rente!
Ab dem 1. 10. 1996 ist Art.1 Nr. 2 des WFG aufgehoben. Das heißt
im Klartext, daß es die bisher bestehende Rentenversicherungsfreiheit
für Studierende nicht mehr gibt. Durch Ferienjobs erwerben wir uns
also künftig Ansprüche aufs Altersruhegeld, so daß nach
Beendigung unseres Langzeitstudiums einem gemütlichen Lebensabend
bei Malzkaffee und Ernte 23 nichts mehr im Wege steht. Die Neuregelung
hat zu tun mit der geringeren Anrechnung von Ausbildungszeiten auf die
Rente, mit der sturzüber stehenden Alterspyramide und mit - was wohl?
- leeren Kassen. Es wäre schön, wenn wir hier feststellen könnten,
daß mit der Einbindung von Studierenden in die Rentenversicherung
ein Schritt in Richtung sozialer Absicherung geringfügig Verdienender
gemacht würde. Aber da nach wie vor die unheilvolle 590,-DM-Grenze
gilt (ab 1.1.97 610,-DM) und sich bei der Arbeitslosenversicherung nichts
ändert, brauchen wir wohl nicht zu hoffen, daß sich irgendetwas
in diese Richtung entwickelt. Studierende, die einer Beschäftigung
nachgehen, für die sie mit über DM 590,- (bzw. DM 610,-) im Monat
entlohnt werden, unterliegen fürderhin der Rentenversicherungspflicht.
Der / die Studierende entrichtet 9,6% seines kargen Lohnes als Versicherungsbeitrag,
der Arbeitgeber gibt den gleichen Betrag dazu. Arbeit und Kapital teilen
sich also den Obolus im Sinne der Sozialpartnerschaft. Die neue Regelung
gilt nicht für Arbeitsverträge, die vor dem 1.10.96 abgeschlossen
wurden. Ihr habt allerdings die Möglichkeit, Euren Vertrag zu ändern
und Euch freiwillig zu versichern. Neue Arbeitsverträge fallen auf
jeden Fall unter das neue Recht, auch wenn Ihr wieder beim gleichen Arbeitgeber
beschäftigt seid. Wenn Ihr geringfügig beschäftigt seid
und eine Zweitbeschäftigung aufnehmt, durch die Ihr die 590,-DM-Grenze
überschreitet, seid Ihr ebenfalls rentenversicherungspflichtig. Arbeitsverhältnisse
auf Abruf fallen nur dann nicht unter die Neuregelung, wenn die Verträge
vor dem 1. 10. abgeschlossen wurden und im Oktober ein Arbeitseinsatz erfolgte.
Damit Ihr Euch das etwas besser vorstellen könnt, eine kleine sozialistische
Textaufgabe: Eine Studentin wird vom Kapitalisten mit DM 744,- im Monat
abgespeist, was natürlich in keinem Verhältnis zum dabei vom
Kapitalisten abgezockten Mehrwert steht. Während die Studentin bisher
die volle Summe darauf verwenden konnte, der besitzenden Klasse ihren Mietzins
zu entrichten und sich mit dem Rest durch bescheidene Konsumption von Waren
den unmenschlichen Marktmechanismen zu unterwerfen, greift ihr jetzt der
bürgerliche Staat in die Tasche und behält 9,6% (DM 71,42), vom
Lohn ein: 744 - 71,42 = 672,58. Weitere DM 71,42 bekommt der Staat vom
Kapitalisten. Der Studentin bleiben damit 672,58 DM im Monat zum Leben
und zum Sterben. Übrigens fallen Studierende bei neuen Arbeitsverträgen
in jedem Fall unter die Vorschriften über den Sozialversicherungsausweis
(Meldepflicht durch den Arbeitgeber etc.), auch wenn sie nur geringfügig
beschäftigt sind. Eine Sonderregelung gilt für Studierende ,
die ein in ihrer Studienordnung vorgeschriebenes Praktikum absolvieren.
Sie sind in jedem Fall rentenversicherungspflichtig, auch wenn sie fürs
Praktikum nur geringfügig oder sogar gar nicht entlohnt werden. Bekommen
sie weniger als DM 590,- (bzw. 610,-) im Monat, bezahlt der Arbeitgeber
den kompletten Beitrag, also den vollen Satz von 19,2%. Sollten die PraktikatInnen
gar nichts bekommen - soll's ja geben - wird ein fiktives Entgelt von 1%
des Durchschnittsentgelts aller Versicherten angenommen, auf das der Arbeitgeber
den Rentensatz entrichtet. Das sind etwa acht Mark monatlich. Dafür
wird man sich später vielleicht doch das ein oder andere Gläschen
Asbach Uralt leisten können.
Entgleisungen
Verunsicherungen gab es in der letzten Zeit mit dem Semesterticket in den
Zügen der Deutschen Bahn, vor allem auf der Strecke Siegen-Hagen.
Zugbegleitpersonal wollte eingeschweißte Semestertickets nicht akzeptieren
und drohte gar an, die eingeschweißten Fahrausweise einzuziehen.
Hintergrund: Für das Semesterticket im VRR ist tatsächlich vereinbart,
daß die Tickets nicht eingeschweißt werden dürfen, damit
Farbkopien besser zu identifizieren sind. Nun liegt Siegen aber nicht im
Bereich des VRR, und in unserem Vertrag steht nichts dergleichen. Damit
sind eingeschweißte Tickets natürlich uneingeschränkt gültig.
Scheinbar ein Mißverständnis also, aber eins mit ärgerlichen
Begleiterscheinungen. Zunächst mal ist auffällig, daß die
Obrigkeit sich vor allem bei weiblichen und ausländischen KommilitonInnen
traut, Scherereien zu machen, was wohl ein funzeliges Talglicht auf gewisse
Mentalitäten wirft. In manchen Fällen ging die Schikane so weit,
daß sich die Studierenden auf den Revieren der Bahnpolizei wiederfanden.
Auf die Beschwerde des AStAs hin, behauptete die Bahnpolizei erstmal frech,
"mindestens 90%" derjenigen, die mit eingeschweißten Semestertickets
bei ihr landeten, seien "Betrüger". Das würde durch Anrufe beim
Studentensekretarat festgestellt. Das Studentensekretariat konnte sich
durchaus an solche Anrufe erinnern, aber in diesem Semester nicht an einen
einzigen Fall, wo wirklich ein Semesterticket unberechtigt verwendet wurde.
Eigentlich dachten wir nach einigen klärenden Gesprächen, daß
alles fortan in rechten Bahnen verläuft und wir die Fahrt wieder in
vollen Zügen genießen können. Jedoch wurde das Zugbegleitpersonal
zwischenzeitlich mit kopierten Auszügen aus der Personenbeförderungsvorschrift
ausgestattet, denen zu entnehmen ist, daß "Fahrscheine und sonstige
Karten [...] nur im Original anzuerkennen" sind. Was das heißen soll,
ist nicht ganz klar. Schließlich macht das Einschweißen eines
Semestertickets dieses nicht automatisch zur Kopie, allen bösen Unterstellungen
zum Trotz. Sollte sich das Zugpersonal unbelehrbar zeigen, mögen Euch
folgende Hinweise nützlich sein: Das Semesterticket -ob eingeschweißt
oder nicht- ist ein gültiger Fahrausweis, für den Ihr bezahlt
habt. Die Schaffner sind berechtigt, sich zur Überrpüfung Eurer
Identität einen Lichtbildausweis zeigen zu lassen und sich Euren Namen
zu notieren. Sie sind auf keinen Fall berechtigt, Semesterticketausweise
einzuziehen, Fahrgeld für die Strecke oder gar einen erhöhten
Fahrpreis zu verlangen. Solchen Anweisungen braucht Ihr also nicht Folge
zu leisten. Im Falle, daß die Bahnpolizei hinzugezogen wird und/oder
das Semesterticket beschädigt wird, sagt ruhig, daß Ihr den
Euch dadurch entstehenden Schaden zurückfordern werdet. Das sind im
Falle der Beschädigung des Semestertickets 10,- DM für die Erstellung
eines neuen Tickets. Informiert auf jeden Fall den AStA über solche
Vorfälle, denn nur so können wir wirksame Maßnahmen ergreifen.
StuPa-Sitzung - StuPa-Wahlen
Am 4. November fand die erste Sitzung des StudentInnenparlaments (StuPa)
nach der vorlesungsfreien Zeit statt. Nach der Vorlage des AStA-Arbeitsberichts
standen vor allem die Nachwahl dreier AStA-ReferentInnen und die Planung
und Durchführung der nächsten StuPa- und Fachschaftsratswahlen
auf der Tagesordnung. Dem Absingen mehrstimmiger Loblieder und Dankchoräle
auf die scheidenden Referentinnen Christiane Natusch, Judith Osterbrink
und Brigitte Schulte-Kellinghaus folgte die Wahl von Christian Bald, Markus
Grebe und Alexandra Oerter in den AStA, die in geheimer Abstimmung jeweils
eine große Mehrheit erzielen konnten. Nicht so glatt verlief die
Bildung eines Wahlausschusses für die nächsten StuPa- und FSR-Wahlen.
Der Wahlausschuß ist für die Vorbereitung und Durchführung
der Wahlen zuständig. Er hat normalerweise sieben Mitglieder und drei
VertreterInnen, die natürlich alle keine KandidatInnen sein dürfen.
Wie in den letzten Jahren gab es Schwierigkeiten, dem Ausschuß zu
seiner erforderlichen Mindestgröße zu verhelfen, und wie in
den letzten Jahren werden die Wahlen nicht, wie in der Wahlordnung vorgesehen,
im Dezember, sondern erst im Januar stattfinden, genauergesagt vom 27.
bis zum 31. 1. 1997. Wahlvorschläge können bis zum 6. 1. beim
Wahlausschuß eingereicht werden, die erforderlichen Formulare gibt's
im AStA und alle weiteren Informationen in den Wahlbekanntmachungen, die
an den Schwarzen Brettern aushängen. Der neu gebildete Wahlausschuß
würde sich außerdem freuen, wenn sich genügend Studierende
dazu bereitfänden, die ein oder andere Stunde an der Wahlurne zu verbringen.
Wer daran Interesse hat, soll sich bitte bis Mitte Januar im AStA-Büro
melden. In den nächsten Sitzungen des StuPas wird es vor allem um
den Haushalt der Studierendenschaft für das nächste Jahr gehen.
Da die Studierendenzahlen weiter rückläufig sind, stehen uns
nächstes Jahr noch weniger Mittel zur Verfügung als jetzt schon.
Dies wird die Beratungen sicherlich nicht einfach machen. Die nächste
Sitzung des StuPas findet voraussichtlich am 9. 12. um 18h im StuPa-Raum
statt. StuPa-Sitzungen - darauf möchten wir an dieser Stelle nochmal
hinweisen - sind öffentlich. Wenn Ihr Interesse habt, könnt Ihr
also gerne mal vorbeikommen.
Fahrpläne
Täglich, beinahe stündlich, werden wir im AStA-Shop gefragt:
Gibt es noch Fahrplanbücher der VWS. Und immer müssen wir die
traurige Auskunft geben: Wir haben keine mehr, und wir werden auch keine
mehr bekommen. Die angebliche Auflage von 15.000 ist irgendwo im Bermuda-Dreieck
zwischen Verlag Vorländer, VWS und diversen Verkaufsstellen verschollen,
unser Kontingent von 500 ist lange verkauft, und nachgedruckt wird nicht.
Die geschätzte Kundschaft steht also bis zum nächsten Fahrplan
auf dem Schlauch bzw. auf gut Glück an der Haltestelle. Beschwerden
bitte an VWS oder Vorländer.
Der Verwaltungsrat
des StudentInnenwerks hat sich neu konstituiert. Sieben der fünfzehn
Mitglieder werden aus der Gruppe der Studierenden gestellt. Sie sind vom
StuPa in der letzten Sitzung des Sommersemesters gewählt worden. Aus
ihren Reihen kommt auch der neue Vorsitzende des Verwaltungsrats, Christian
Bald. Als Mitglied aus dem Bereich des öffentlichen Lebens konnte
DGB-Kreisvorsitzender Willi Brase gewonnen werden. Fake Auf Seite 282 des
jüngst erschienenen Forschungsberichts 1993-95 findet sich folgendes
Forschungsvorhaben aus der makromolekularen Chemie im Fachbereich 8 aufgeführt:
"Sensoren auf Polymerbasis zur Erkennung von Plagiaten in Schriftstücken
auf Untergründen aus nativen und synthetischen Papieren". Hintergrund
des von Prof. Mormann geleiteten Projekts ist, daß "mehr als 50%
der wissenschaftlichen Literatur auch in den Naturwissenschaften [...]
inzwischen nicht mehr aus Originalseiten mit originären Ideen oder
Resultaten [besteht]." Um die immensen durch die Lektüre von Abgeschriebenem
entstehenden Zeitverluste zu reduzieren, soll ein universeller Sensor entwickelt
werden. Wir wünschen viel Erfolg.
Elektronisches Zeitalter
Keine Lust, von PB bis AR zu laufen, nur um einen kleine Frage zum Bafög-Antrag
zu stellen? Keine Zeit, tagsüber im AStA anzurufen, weil du zwischen
Job und Studium nicht mal mehr zum Kaffeetrinken kommst?? Kein Geld für
Briefmarken, weil die Telekom zuviel Geld fürs Internetsurfen verlangt???
Kein Problem. Auch der AStA nutzt jetzt E-Mail. Du kannst so auf direktem
Wege die Personen erreichen, die sich mit deinem Anliegen auskennen, ohne
mehrfach anrufen zu müssen. Zum Beispiel kannst du einen Termin für
eine Sozialberatung vereinbaren, wenn du zu den üblichen Sprechzeiten
keine Zeit hast oder dein Fall umfangreicher ist. Gib einfach an, wann
du kommen kannst und dir wird ein Termin zugeschickt. Also, gleich ins
Adressbuch eintragen: asta@studm.hrz.uni-siegen.de
Eine kleine Bitte noch: Wenn möglich, keine allzu umfangreichen Attachments
anhängen. Unsere Rechnerausrüstung ist bisher nicht gerade sonderlich
internettauglich, sprich, es dauert ewig, bis sowas dann hier ist.
Böse Entgleisung!
Kurz vor Schluß kroch uns der neue "Kupferwurm" ins Haus, die durch
ihre Kolumnisten berüchtigte Publikation des Fachschaftsrats E-Technik
und Informatik. Daß sich Carsten Rißler wieder bemüßigt
fühlt, für seine nicht ohne Grund faselei genannte Liste aus
dem Zusammenhang gerissene Pseudo-Zitate, persönliche Diffamierungen
und in Sätze gegossenen Unverstand zu Artikeln zusammenzustellen,
sei ihm gegönnt. Das hat etwas mit Wahlkampferöffnung zu tun
und mit seinem über die Sommermonate angestautem Frust darüber,
daß seine Liste immer noch nichts auf die Kette kriegt. Kennen wir.
Geschenkt. Es scheint aber, als seien Carsten und den anderen für
das Heft Verantwortlichen jetzt ein paar zusätzliche Sicherungen durchgebrannt.
In seinem Artikel "Gläubige raus?!" berichtet Carsten von der StuPa-Sitzung
vom 24.6. Einige muslimische Studierende wollten die Unterstützung
des StuPas für ihr Anliegen, an der Hochschule einen Gebetsraum zu
bekommen. In der Diskussion setzten sich die AStA-tragenden Fraktionen
im StuPa (DLL, DSL, LUMBA, UL-AES und ULEI) mit ihrer Auffassung durch,
daß die Hochschule in ihrer demokratischen, säkularen Tradition
kein Ort für Kapellen oder Gebetsräume sei - gleich welcher Religion.
Der Antrag wurde also von uns "atheistischen Fundamentalisten" abgelehnt,
wie sich Carsten richtig erinnert. Es folgt ein Bild der brennenden Siegener
Synagoge mit der Unterschrift "Siegen 1938 / 1996????". Abgesehen davon,
daß der bloße Vergleich des Nichtwollens der Einrichtung eines
Gebetsraums mit den faschistischen Novemberpogromen eine Geschmacklosigkeit
ist, die einem einfach den Atem nimmt, werden wir nicht zulassen, daß
uns irgendwelche ideologische Nähe zum Nationalsozialismus unterstellt
wird. Hier hat die faselei endgültig den Boden verlassen, auf dem
noch eine politische Auseinandersetzung stattfinden kann.