AStA-Inform - Ausgabe 4 - Oktober 1996
Mobilmachung
Semesterbeginn: Raus aus der Fabrik, rein in die Teilzeitbeschäftigung.
Aber halt, Bundesfamilienministerin Claudia Nolte, jüngste Ministerin
und älteste Dreißigjährige dieser Republik, assoziiert
mit dem Begriff Teilzeit Unvollständigkeit und Minderwert. "Bereits
gefühlsmäßig kann der so negativ besetzte Begriff 'Teilzeit'
Betriebsleiter wie Mitarbeiter davon abhalten, etwas zu tun, was der Verstand
als richtig und einleuchtend erklärt." (FR, 20.9.) Es besteht also
Handlungsbedarf, und damit die negativen Emotionen nicht überhand
gewinnen, soll aus Teilzeit Mobilzeit werden. Das hat einen Hauch von Sperrminorität
und Arbeitskraftfreisetzung, steht laut Nolte "für neue Formen der
Arbeitszeit mit mehr Flexibilität und Mobilität" und eröffnet
ein völlig neues Wortfeld: Mobilzeitbeschäftigung, Mobilzeitkraft,
Mobilzeitstelle, Mobilhaber, Altenmobil und Mobilchenbeschleuniger - so
einfach ließen sich verkrustete Strukturen noch nie in Bewegung bringen.
Und zudem erfahren diese Berufsgruppen, darunter nicht wenige und gerade
auch Frauen, endlich die verdiente gesellschaftliche Anerkennung. Per Sprachpolitur
werden aus Teilzeit- Vollwertbeschäftigte, Mehrkorn- und MüsliarbeiterInnen
sozusagen, denen bei der Produktion des Mehrwerts keine emotionalen Schranken
mehr im Wege stehen. Wenn Arbeit frei macht, macht Mobilzeitarbeit schließlich
Freizeit. Bleibt nur die Frage: Was ist ein Arbeitsloser? Eine Immobilie?
Wenn schon Sprachregelung, dann sollte lieber auf den Rechenunterricht
der Grundschule zurückgegriffen werden. Der negativ konnotierten Teilzeit
halten wir die positiv besetzte Mahlzeit entgegen, mit der uns bereits
gefühlsmäßig viel mehr verbindet.
Tag zusammen!
Da sind wir also alle wieder, und die nächste Runde wird eingeläutet.
Es gibt wieder getrennte Schalter für Reformkost und Menü II.
Der Semesterbeginn ist wie immer geprägt von Veranstaltungsankündigungen,
Raumsuche und guten Vorsätzen. Der AStA stürzt sich mit dem bekannten
Beratungsangebot, den beliebten Öffnungszeiten und dem gewohnten Schwung
in die Arbeit, allerdings in veränderter Besetzung. Brigitte Schulte-Kellinghaus,
Christiane Natusch und Judith Osterbrink haben uns verlassen, um an ihrer
Schauspielkarriere zu basteln. Seit dem 1. 10. haben wir dafür Christian
Bald, Markus Grebe und Alexandra Oerter verpflichtet, natürlich erstmal
kommissarisch und vorbehaltlich der Bestätigung durch das StuPa, dessen
erste Sitzung noch in diesem Monat stattfinden wird. Und sonst? Allgemein
geht es mal wieder ums BAFöG (s.u.), um Studiengebühren und Rentenversicherungen
(dazu in der nächsten Ausgabe). Auf dem LandesAstenTreffen grassiert
die Machtgeilheit, und alle außer uns wollen einen zentralistischen
Dachverband. Hier an der Hochschule müssen wir uns weiter mit dem
galoppierenden Kommerz auseinandersetzen und außerdem damit, daß
der AStA offensichtlich aus dem PB vertrieben werden soll. Aber es gibt
auch mal was Nettes zu vermelden: Nach langem Ringen hat das StudentInnenwerk
eine Kindertagesstätte eingerichtet. Auch dazu findet Ihr weiter unten
einen Bericht. Wir wünschen Euch ansonsten einen guten Start, Euer
AStA
BAFöG - und kein Ende
Nachdem wir in den letzten Semestern immer wieder Flugis zum BAFöG
in die Mensa und die Flure geworfen haben, machen wir es nochmal, auch
auf die Gefahr, uns schier endlos zu wiederholen. Also, aufgepaßt
und mitgeschrieben!
Wichtig: BAFöG beantragen!!!
Auch wenn Schmitts Gabi von nebenan und der Sohn von Onkel Fritz kein BAFöG
bekommen, heißt das nicht unbedingt, daß Du keins kriegst.
Bei der Bewilligung des BAFöG spielt nämlich nicht nur das Einkommen
der Eltern eine Rolle, sondern z.B. auch, ob Du noch bei Deinen Eltern
wohnst, ob Deine Geschwister noch in der Ausbildung sind undsoweiter undsofort...
Es lohnt sich auf jeden Fall den Antrag zu stellen, auch wenn Du "nur"
200,- DM bekommst, sind das immerhin noch 4x Kino, 1x Motte und noch ´ne
Jeans. Außerdem: Du bist jetzt an einer Hochschule, also schon ganz
schön erwachsen und folglich auch in der Lage einen BAFöG-Antrag
auszufüllen. Die Anträge sind zwar mindestens so spannend wie
die Werbung im Dahlbrucher Kino, doch beißen tun sie nicht. Nochwas:
In den letzten Jahren ist die Zahl der Antragstellungen um ca. 20% zurückgegangen.
Woran das liegt, wissen wir auch nicht so genau, vermutlich wohl an der
Verunsicherung, die durch die Diskussion ums BAFöG bei den Studis
entstanden ist. Trotzdem gibt es keine Gründe, Verunsicherung hin,
Unwissenheit her, den Antrag nicht zu stellen. Sonst heißt es nämlich
in nicht allzu ferner Zukunft: Die Studis beantragen ja kaum noch BAFöG,
dann ist es auch nicht mehr notwendig! So sieht´s aus. In der Regelstudienzeit
bleibt also vorläufig alles beim Alten. Aber: In den letzten Semestern
haben wir Euch mit den Änderungen in der neuen BAFöG-Novelle
reichlich zugemüllt, aber es hat sich eben einiges geändert.
Nicht das gesamte BAFöG wird verzinst, wie es Rüttgers angedroht
hatte. Volldarlehen und Zinsen werden künftig diejenigen am Hals haben,
die ihr Studium aus folgenden Gründen verlängern oder verlängern
müssen: Bei einem Aufbaustudium bzw. zweiter Ausbildung Nach einem
Fachrichtungswechsel/ Ausbildungsabbruch, wenn die Förderungshöchstdauer
des neuen Studiengangs, nach Abzug der bereits durchlaufenen nicht anrechenbaren
Fachsemester des alten Studiums, überschritten worden ist; das gilt
nicht, wenn der Fachrichtungswechsel aus unabweisbaren Gründen durchgeführt
wurde. Nach Überschreiten der Förderungshöchstdauer Aus
schwerwiegendem Grund wie z.B. Krankheit Wegen Gremientätigkeit Wegen
erstmaligem Nichtbestehen der Abschlußprüfung Für die Zeit
der Studienabschluß- förderung Wegen eines studienbezogenen
Auslandsaufenthaltes.
So klappts:
- Stellt weiter Eure Anträge, auch wenn Ihr glaubt, daß Ihr
keine Aussicht auf Erfolg habt. Viele werden sich wundern, daß sie
doch einen Anspruch haben. - Wenn Ihr unsicher seid, welche Änderungen
Euch betreffen, kommt beim AStA vorbei oder wendet Euch an Eure SachbearbeiterInnen
beim BAFöG-Amt. - Wenn die Änderungen Euch betreffen, und Ihr
nicht wißt, was Ihr machen sollt, kommt ebenfalls bei uns oder beim
BAFöG-Amt vorbei. - Merkt Euch, weder die SachbearbeiterInnen, noch
die Formulare, noch die AStA-ReferentInnen beißen, sondern helfen
Euch weiter, sofern es möglich ist.
Kindertagesstätte für Studierende
Mittlerweile dürfte es ja für niemanden mehr fremd sein, daß
es Studierende mit Kindern nicht leicht haben: Kinderbetreuung und -erziehung,
Finanzierung von Familie und Studium und so ganz nebenbei auch noch das
Studium voranbringen - all dies Belastungen, die es dem Kreis der Betroffenen
noch ein Stück schwieriger machen, als für 'Normalstudis'. Auch
an unserer Hochschule engagieren sich studierende Eltern schon seit 20
Jahren für die Einrichtung einer verbindlichen Kindertagesstätte.
Der Trägerschaft für eine solche Institution wollte sich lange
niemand annehmen. Immerhin ist es AktivistInnen Mitte der 80er Jahre gelungen,
der Hochschule durch Raumbesetzungen und massive Öffentlichkeitsarbeit
einen Raum abzuschwatzen, in dem sie seither in Eigeninitiative gegenseitig
ihre Kinder betreuen, um wenigstens einen Teil der notwendigen Veranstaltungen
besuchen zu können. Die "Krabbelstube" existiert auch heute noch,
und es wird sie auch weiterhin geben. Studierende mit Kindern sind längst
keine Ausnahme mehr. In Anerkennung dieser Tatsache hat jetzt das StudentInnenenwerk
Siegen zum 01.09.1996 eine Kindertagesstätte am Haardter Berg eröffnet.
Sie bietet Betreuungsmöglichkeiten für insgesamt 65 Kinder im
Alter zwischen 4 Monaten und 14 Jahren und ist mittlerweile, wen wunderts,
auch voll besetzt. Grund zur Freude, denn 48 der Plätze konnten an
Kinder von Studierenden vergeben werden. Die übrigen Plätze wurden,
nachdem die interessierten Studierenden berücksichtigt waren, für
andere Interessierte freigegeben. In der Tagesstätte betreut nun ein
Team aus 18 ausgebildeten oder sich noch in der Ausbildung befindenden
Pädagogen täglich zwischen 7.30 und 17.00 Uhr 'unsere' Kids.
Grund zur Freude und Grund sich bei allen Haupt- und Ehrenamtlichen, die
die Realisierung dieses Projektes möglich machten, zu bedanken. Aber
auch an uns selbst ein herzliches Dankeschön, denn wir alle tragen
durch die Sozialbeitragserhöhung von 1995 (5,- DM) unseren Anteil
zur Finanzierung bei. Die KiTa befindet sich im Moment in der Anlaufphase.
Als studierende Eltern solltet Ihr jetzt Eure Vorstellungen einbringen.
So sollte selbstverständlich sein, daß die Einrichtung sich
an studentischen Tagesabläufen, sprich den Vorlesungszeiten, orientiert.
Durch die täglich wechselnden Arbeitszeiten der Eltern wird der Familienrhythmus
stark strapaziert. Dies fordert von der KiTa eine höchstmögliche
Flexibilität. Denn während der Betreuungsbedarf an einem Tag
von 10.00 bis 12.00 Uhr besteht, kann schon der Stundenplan des nächsten
Tages einen weit größeren Zeitraum nötig machen. Das heißt
konkret, die Kinder sollten bis 10 Uhr gebracht und in der Zeit zwischen
12.30 und 13.00 Uhr oder nach der Mittagsruhe abgeholt werden können.
Eine solche Regelung wird sowohl der Kontinuität in der pädagogischen
Arbeit mit den Kindern als auch dem Ziel, den Familien die größtmögliche
Zeit des Zusammenseins zu ermöglichen, gerecht. Helft durch konstruktive
Mitarbeit mit, daß die Organisation der Kindertagesstätte auch
wirklich Eure Bedürfnisse und die Eurer Kinder berücksichtigt.
Laßt die ErzieherInnen nicht im Regen stehen, denn welche das sind,
könnt Ihr wohl am besten vermitteln, natürlich immer höflich
und mit Verständnis und Geduld: Vielleicht klappt manches am Anfang
nicht so, wie es (aus Eurer Sicht) sein könnte. Also bedenkt, daß
das PädagogInnenteam eine völlig neue Einrichtung aufbaut und
in der kurzen Zeit seit der Eröffnung schon sehr viel realisiert hat.
Die MitarbeiterInnen sind Euch bestimmt für jeden konstruktiven Tip,
aber auch für angemessene Kritik dankbar. Und wie wir aus jedem Gesprächskreis
wissen, erreichen wir nur durch Kommunikation die gemeinsamen Ziele.
Parkraum
Noch nichts Neues gibt es von den Plänen zur Parkraumbewirtschaftung.
Auf unterschiedlichen Ebenen wird zur Zeit erhitzt diskutiert, aber wir
bleiben bei unserer Position, die Erhebung von Gebühren fürs
Parken ohne Wenn und Aber abzulehnen. Das heißt jedoch nicht, daß
Autofahren und Parken für uns in den Grundrechtekatalog gehören.
So hält sich auch unser Bedauern in Grenzen, daß das auf 23
Millionen Mark veranschlagte Parkhaus "Am Eichenhang" endgültig zu
Grabe getragen ist. Immerhin widmet der Landesrechnungshof in seinem jetzt
veröffentlichten Jahresbericht dem Projekt und der abenteuerlichen
Bedarfsermittlung der Hochschule zweieinhalb Seiten. Zu danken ist dem
AK Verkehr, dessen Hartnäckigkeit letzendlich zu dazu geführt
hat, daß die Aufmerksamkeit auf die unsolide Bedarfsberechnung gelenkt
wurde. Nur Schade, daß im Bericht des Landesrechnungshofs keine Namen
genannt werden. Siegen kann jede Art von Publicity gebrauchen.
Schöner sitzen im PB
Für die einen ist es die Idylle fernab des hektischen Lärmens
und Treibens, das während der Vorlesungszeiten das Gelände um
die Mensa kennzeichnet, andere kommen sich vernachlässigt und stiefmütterlich
behandelt vor. AStA-Inform und unsere Aushangbretter sind daher für
alle die gedacht, die nicht ständig im Shop vorbeikommen oder in die
Mensa gehen, um Flugblätter zu lesen. Nach der umfänglichen Verzierung
des PB-Foyers mit überdimensionierten Laubsägearbeiten gestaltet
sich die Informationsweitergabe dort etwas schwierig. Ohne daß man
für nötig hielt, uns Bescheid zu sagen, wurde das AStA-Brett
entfernt, die Stellwand des Autonomen Kulturreferates in den Keller geräumt
und unsere Kopierer und Schränke zum Dienstboteneingang geschoben.
Zuerst hieß es, das sei alles vorübergehend, dann wurden wir
vertröstet, und allmählich werden wir ungehalten. Immerhin haben
wir inzwischen festgestellt, daß im Hauptfoyer sämtliche Steckdosen
entfernt wurden, vermutlich in der irrigen Annahme, unsere Kopierer würden
mit Dieselmotoren betrieben. Die schwarzen Hartholzbretter mit den tollen
Zierleisten wurden den Fachbereichen 9, 10 und 11 zugewiesen. Nichts was
den ästhetischen Gesamteindruck stören könnte (Zettel, Stellwände,
Plakate) wird fortan geduldet. Da wir weiterhin der Annahme sind, uns an
einer Hochschule zu befinden und nicht in einem Museum oder einem Schöner-wohnen-Prospekt
werden wir uns jetzt verstärkt bemühen, zu einer akzeptablen
Regelung zu kommen.